Auf einen Blick
Die Bildungskonferenz Ganztagsschulen bringt jährlich Tausende Fachleute aus Pädagogik, Politik und Wissenschaft zusammen. Der Schulkongress 2022 setzte klare Schwerpunkte: Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026, Qualitätsentwicklung in multiprofessionellen Teams und die Frage, wie digitale Medien sinnvoll in den Schulalltag integriert werden. Die zentralen Botschaften: Ganztagsschule braucht mehr als verlängerte Öffnungszeiten – sie braucht ein pädagogisches Gesamtkonzept. Wer jetzt handelt, ist besser vorbereitet.
Was ist der Schulkongress für Ganztagsschulen?
Die Bildungskonferenz Ganztagsschulen – oft schlicht „Schulkongress" genannt – ist Deutschlands größte Fachveranstaltung rund um ganztägige Bildung und Betreuung. Organisiert vom Ganztagsschulverband und unterstützt durch Bundesministerien, zieht der Kongress regelmäßig über 2.000 Teilnehmende aus allen 16 Bundesländern an.
Was macht diesen Kongress besonders? Er ist kein reines Politikforum. Hier treffen Schulleitungen, die täglich mit Ressourcenknappheit kämpfen, auf Wissenschaftler, die Langzeitstudien zur Wirksamkeit von Ganztagsangeboten vorlegen. Das erzeugt Reibung – und genau diese Reibung ist produktiv.
Eine kurze Geschichte des Kongresses
Der Ganztagsschulkongress hat seine Wurzeln in den frühen 2000er-Jahren, als das PISA-Schock-Ergebnis von 2001 Deutschland aufweckte. Plötzlich stand die Frage im Raum: Reicht Halbtagsschule noch? Die Antwort der Bildungspolitik war das Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) – und damit begann auch die institutionalisierte Debatte über Qualitätsstandards, die der Kongress bis heute führt.
Schulkongress 2022: Die wichtigsten Themen im Überblick
Der Schulkongress 2022 fand in einem besonderen Spannungsfeld statt. Einerseits die Nachwehen der Pandemie, die Ganztagsschulen besonders hart getroffen hatte. Andererseits der politische Druck durch den beschlossenen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder, der ab dem Schuljahr 2026/27 schrittweise greift.
Drei Themenblöcke dominierten die Veranstaltung:
- Rechtsanspruch und Umsetzung: Wie schaffen Kommunen und Schulträger die nötige Infrastruktur bis 2026?
- Qualität statt Quantität: Mehr Stunden bedeuten nicht automatisch bessere Bildung.
- Fachkräftemangel: Wer soll die Ganztagsangebote eigentlich betreuen?
Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung: Was Schulen wissen müssen
Ab dem 1. August 2026 haben Kinder im ersten Grundschuljahr einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Bis 2029 wird dieser Anspruch auf alle Grundschulklassen ausgeweitet. Das klingt nach einer klaren Ansage – ist in der Praxis aber eine logistische Herausforderung gigantischen Ausmaßes.
Auf dem Schulkongress 2022 rechneten Experten vor: Bundesweit fehlen schätzungsweise 300.000 Betreuungsplätze und rund 50.000 Fachkräfte. Kein Wunder, dass die Diskussionen hitzig wurden.
Was macht eine gute Ganztagsschule aus?
Diese Frage klingt simpel. Die Antwort ist es nicht. Auf der Bildungskonferenz Ganztagsschulen 2022 präsentierte Prof. Dr. Eckhard Klieme vom DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung) Ergebnisse der StEG-Studie (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen). Das Fazit: Qualität entsteht nicht durch Öffnungszeiten, sondern durch pädagogische Konzepte.
Konkret heißt das: Hausaufgabenbetreuung allein macht noch keine Ganztagsschule. Was zählt, sind rhythmisierte Tagesstrukturen, individuelle Förderung und echte Kooperation zwischen Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften.
Multiprofessionelle Teams: Chance und Herausforderung
Ein Thema, das auf dem Schulkongress 2022 besonders viel Aufmerksamkeit bekam: multiprofessionelle Teams. Gemeint ist die Zusammenarbeit von Lehrkräften, Sozialpädagogen, Erzieherinnen und externen Kooperationspartnern – zum Beispiel Sportvereinen oder Musikschulen.
Das klingt gut. In der Praxis scheitert es oft an Kleinigkeiten: unterschiedliche Tarifverträge, unklare Zuständigkeiten, fehlende gemeinsame Planungszeiten. Wer auf dem Kongress aufmerksam zuhörte, nahm konkrete Lösungsansätze mit – etwa gemeinsame Teamstunden, die fest im Stundenplan verankert sind.
Ganztagsmodelle im Vergleich: Gebunden, offen oder teilgebunden?
Deutschland ist ein Flickenteppich verschiedener Ganztagsmodelle. Welches Modell für welche Schule passt, hängt von vielen Faktoren ab. Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über die drei gängigsten Formen:
| Merkmal | Gebundene Ganztagsschule | Offene Ganztagsschule | Teilgebundene Ganztagsschule |
|---|---|---|---|
| Teilnahmepflicht | Alle Schüler (100 %) | Freiwillig (Anmeldung) | Bestimmte Jahrgänge oder Gruppen |
| Unterrichtsverteilung | Rhythmisiert über den Tag | Vormittags Unterricht, nachmittags Betreuung | Mischform |
| Mittagessen | Verpflichtend | Optional | Je nach Modell |
| Förderung durch Bund/Land | Hoch (KiTa-Qualitätsgesetz, IZBB-Nachfolge) | Mittel | Mittel bis hoch |
| Verbreitung in Deutschland (2022) | ca. 18 % aller Schulen | ca. 52 % aller Schulen | ca. 30 % aller Schulen |
| Elternakzeptanz | Mittel (Pflicht polarisiert) | Hoch (Flexibilität) | Hoch |
| Pädagogische Wirksamkeit (StEG-Studie) | Hoch bei konsequenter Umsetzung | Mittel | Mittel bis hoch |
Die Zahlen zeigen: Das offene Modell dominiert – aber die pädagogische Forschung spricht eher für das gebundene Modell, wenn es gut umgesetzt wird. Dieser Widerspruch war auf dem Schulkongress 2022 ein zentraler Diskussionspunkt.
Digitalisierung in der Ganztagsschule: Mehr als Tablets verteilen
Kein Bildungskongress ohne Digitalisierungsdebatte – das gilt auch für die Bildungskonferenz Ganztagsschulen 2022. Aber hier wurde erfrischend nüchtern diskutiert. Der Tenor: Der DigitalPakt Schule hat Milliarden in Hardware gesteckt. Was fehlt, sind Konzepte für den sinnvollen Einsatz.
Eine Workshopleiterin brachte es auf den Punkt: „Ein Tablet ersetzt keine Lehrkraft. Aber es kann individuelle Lernwege ermöglichen, die im Klassenverband sonst nicht möglich wären." Ganztagsschulen haben hier einen strukturellen Vorteil: mehr Zeit für projektbasiertes, digitales Lernen.
Lernplattformen: Was wirklich funktioniert
Auf dem Kongress wurden mehrere Praxisbeispiele vorgestellt. Schulen, die mit Plattformen wie Moodle, itslearning oder dem landeseigenen Bildungsportal arbeiten, berichteten von einem entscheidenden Erfolgsfaktor: Verbindlichkeit. Wer die Plattform nur sporadisch nutzt, erntet Chaos. Wer sie als festen Bestandteil des Schulalltags verankert, profitiert.
Schritt für Schritt: So entwickelt eine Schule ihr Ganztagskonzept
Viele Schulen stehen vor der Frage: Wo fangen wir an? Auf dem Schulkongress 2022 wurde eine praxiserprobte Vorgehensweise vorgestellt, die sich in mehreren Bundesländern bewährt hat:
- Bestandsaufnahme: Was bietet die Schule bereits an? Welche Ressourcen (Räume, Personal, Kooperationspartner) sind vorhanden? Eine ehrliche Analyse ist die Grundlage für alles Weitere.
- Bedarfsanalyse mit Eltern und Schülerschaft: Fragebögen, Elternabende oder digitale Umfragen helfen, den tatsächlichen Bedarf zu ermitteln. Was wollen Familien wirklich?
- Pädagogisches Leitbild entwickeln: Was soll die Ganztagsschule leisten? Individuelle Förderung, soziales Lernen, Freizeitangebote? Ohne klares Leitbild verläuft sich alles im Sand.
- Kooperationspartner einbinden: Sportvereine, Musikschulen, Jugendhilfeträger, Bibliotheken – externe Partner bereichern das Angebot und entlasten das Schulpersonal.
- Finanzierungsplan erstellen: Welche Förderprogramme (Bund, Land, Kommune) können genutzt werden? Welche Eigenanteile sind nötig? Hier lohnt sich frühzeitige Beratung durch den Schulträger.
- Pilotphase starten: Nicht alles auf einmal. Ein oder zwei Jahrgänge als Pilotgruppe, Erfahrungen sammeln, Konzept anpassen.
- Evaluation und Weiterentwicklung: Ganztagsschule ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Regelmäßige Evaluation – intern und extern – sichert die Qualität langfristig.
Fazit und Ausblick: Was kommt nach dem Schulkongress 2022?
Die Bildungskonferenz Ganztagsschulen 2022 hat gezeigt: Deutschland ist auf dem Weg zur Ganztagsschule – aber der Weg ist steinig. Der Rechtsanspruch ab 2026 setzt einen klaren Rahmen. Ob dieser Rahmen mit Leben gefüllt wird, hängt von Tausenden Entscheidungen auf kommunaler und schulischer Ebene ab.
Was bleibt? Die Erkenntnis, dass Ganztagsschule kein Selbstläufer ist. Sie braucht engagierte Schulleitungen, politischen Willen, ausreichend Fachpersonal und – das wurde auf dem Kongress immer wieder betont – Zeit. Zeit für Planung, Zeit für Kooperation, Zeit für Evaluation.
Der nächste Schulkongress wird zeigen, wie weit Deutschland in diesen Fragen vorangekommen ist. Die Messlatte liegt hoch.
Häufig gestellte Fragen zur Bildungskonferenz Ganztagsschulen
- Was ist die Bildungskonferenz Ganztagsschulen?
- Die Bildungskonferenz Ganztagsschulen ist Deutschlands größte Fachveranstaltung für ganztägige Bildung. Sie bringt Pädagogen, Schulleitungen, Wissenschaftler und Bildungspolitiker zusammen, um aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze zu diskutieren.
- Wann findet der Schulkongress 2022 statt?
- Der Schulkongress 2022 fand im Herbst 2022 statt. Die genauen Termine und Veranstaltungsorte wurden vom Ganztagsschulverband und den beteiligten Bundesministerien bekannt gegeben.
- Was ist der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung?
- Ab dem 1. August 2026 haben Kinder im ersten Grundschuljahr einen gesetzlichen Anspruch auf Ganztagsbetreuung. Bis 2029 wird dieser Anspruch schrittweise auf alle Grundschulklassen ausgeweitet.
- Was ist der Unterschied zwischen offener und gebundener Ganztagsschule?
- Bei der gebundenen Ganztagsschule nehmen alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend teil. Die offene Ganztagsschule ist freiwillig: Eltern melden ihr Kind an, wenn sie das Angebot nutzen möchten.
- Wie viele Ganztagsschulen gibt es in Deutschland?
- Laut KMK-Statistik 2022 sind rund 70 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in Deutschland Ganztagsschulen – allerdings in sehr unterschiedlichen Formen und Qualitätsstufen.
- Welche Förderprogramme gibt es für Ganztagsschulen?
- Wichtige Förderprogramme sind der DigitalPakt Schule, das Startchancen-Programm des Bundes sowie länderspezifische Fördertöpfe. Schulen sollten ihren Schulträger frühzeitig auf verfügbare Mittel ansprechen.
- Wer kann am Schulkongress teilnehmen?
- Der Schulkongress richtet sich an Schulleitungen, Lehrkräfte, pädagogische Fachkräfte, Schulträger, Bildungsverwaltungen und alle, die sich für die Weiterentwicklung ganztägiger Bildung in Deutschland interessieren.