Auf einen Blick

Der Ganztagsschulkongress 2022 brachte Bildungsexpertinnen und -experten aus ganz Deutschland zusammen, um die Zukunft ganztägiger Schulbildung zu gestalten. Im Mittelpunkt standen der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026, inklusive Pädagogik, digitale Lernkonzepte und die Frage, wie Schulen zu echten Lebensräumen werden. Die Erkenntnisse des Kongresses liefern wertvolle Orientierung für Schulen, Träger, Kommunen und Familien in ganz Deutschland.

Was ist der Ganztagsschulkongress Deutschland?

Der Ganztagsschulkongress Deutschland ist die größte Fachkonferenz zum Thema ganztägige Bildung im deutschsprachigen Raum. Seit Jahren bringt er Lehrkräfte, Schulleitungen, Sozialpädagogen, Wissenschaftler und Bildungspolitiker an einen Tisch – mit dem Ziel, aus Theorie echte Praxis zu machen.

Organisiert wird der Kongress vom Ganztagsschulverband in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie verschiedenen Landesministerien. Das macht ihn zu einem der wenigen Bildungsevents in Deutschland, bei dem Bundes- und Landespolitik wirklich aufeinandertreffen.

Kurz gesagt: Wer in der Ganztagsschullandschaft etwas bewegen will, kommt am Kongress nicht vorbei.

Geschichte und Entwicklung des Kongresses

Der Kongress hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten von einer kleinen Fachtagung zu einem nationalen Bildungsgipfel entwickelt. Anfang der 2000er-Jahre, als das PISA-Schock noch frisch war und Deutschland begann, massiv in Ganztagsschulen zu investieren, entstand der Bedarf nach einem zentralen Austauschformat. Seitdem ist der Kongress gewachsen – inhaltlich wie organisatorisch.

Ganztagsschulkongress 2022: Die wichtigsten Highlights

Der Ganztagsschulkongress 2022 fand nach den pandemiebedingten Einschränkungen der Vorjahre wieder in Präsenz statt – und das merkte man. Die Energie in den Sälen war spürbar anders als bei Online-Formaten. Über 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus allen 16 Bundesländern kamen zusammen.

Schwerpunktthemen 2022

Das Programm des Kongresses war dicht gepackt. Drei Themenblöcke dominierten die Diskussionen:

  • Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung: Ab dem Schuljahr 2026/27 haben Grundschulkinder in Deutschland einen gesetzlichen Anspruch auf ganztägige Förderung. Wie sich Schulen und Kommunen darauf vorbereiten, war das beherrschende Thema.
  • Qualität statt Quantität: Mehr Ganztagsplätze allein reichen nicht. Wie sieht gute ganztägige Bildung inhaltlich aus? Welche pädagogischen Konzepte funktionieren wirklich?
  • Kooperation und Vernetzung: Schulen können Ganztagsbildung nicht allein stemmen. Jugendhilfe, Sportvereine, Kultureinrichtungen und Bibliotheken müssen stärker eingebunden werden.
Gut zu wissen: Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder wurde mit dem Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) beschlossen, das im September 2021 in Kraft trat. Er gilt schrittweise ab 2026 und soll bis 2029 vollständig umgesetzt sein. Für die Umsetzung stellt der Bund rund 3,5 Milliarden Euro bereit.

Keynotes und Impulsgeber

Besonders viel Aufmerksamkeit zogen die Keynote-Vorträge auf sich. Bildungsforscher präsentierten aktuelle Studien zur Wirksamkeit von Ganztagsschulen auf Lernleistung und soziale Kompetenz. Schulpraktikerinnen berichteten von konkreten Erfahrungen aus dem Alltag – ungeschönt und direkt. Genau das macht den Kongress wertvoll: Hier redet nicht nur die Wissenschaft über die Praxis, sondern die Praxis spricht für sich selbst.

Ganztagsschule in Deutschland: Modelle im Vergleich

Nicht jede Ganztagsschule ist gleich. Deutschland kennt verschiedene Organisationsformen, die sich in Verbindlichkeit, Umfang und pädagogischer Ausrichtung deutlich unterscheiden. Ein Überblick:

Modell Teilnahme Betreuungszeit Anteil in Deutschland (ca.) Typische Merkmale
Offene Ganztagsschule Freiwillig bis 16:00 Uhr ~55 % Nachmittagsangebote, Hausaufgabenbetreuung, AGs
Gebundene Ganztagsschule Verpflichtend bis 16:00 Uhr ~25 % Rhythmisierter Schultag, integriertes Lernen und Freizeit
Teilgebundene Ganztagsschule Teils verpflichtend bis 15:30–16:00 Uhr ~20 % Bestimmte Klassen oder Jahrgänge verpflichtend
Hort (kommunal) Freiwillig bis 17:00–18:00 Uhr Variiert stark nach Bundesland Außerschulische Betreuung, Jugendhilfe-Träger

Die Unterschiede sind nicht nur organisatorischer Natur. Sie haben direkte Auswirkungen auf die pädagogische Qualität, die Personalplanung und die Finanzierung. Genau deshalb war die Frage nach dem „richtigen" Modell ein Dauerthema auf dem Kongress 2022.

Rechtsanspruch ab 2026: Was Schulen jetzt tun müssen

Der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist die größte bildungspolitische Weichenstellung seit Jahren. Und er stellt Schulen, Kommunen und Träger vor enorme Herausforderungen. Auf dem Ganztagsschulkongress 2022 wurde deutlich: Viele Kommunen sind noch weit von einer bedarfsgerechten Umsetzung entfernt.

Tipp: Schulen und Schulträger sollten jetzt – nicht erst 2025 – mit der Bedarfsplanung beginnen. Konkret heißt das: Elternbefragungen durchführen, Raumkonzepte überprüfen, Kooperationspartner aus Jugendhilfe und Vereinen frühzeitig einbinden. Wer wartet, riskiert, den Anspruch nicht erfüllen zu können.

Schritt-für-Schritt: So bereitet sich eine Schule auf den Rechtsanspruch vor

  1. Bedarfsanalyse durchführen: Wie viele Familien benötigen Ganztagsbetreuung? Elternbefragungen und Anmeldedaten liefern die Grundlage für realistische Planungen.
  2. Raumkonzept entwickeln: Ganztagsbetrieb braucht mehr als Klassenzimmer. Rückzugsräume, Mensen, Bewegungsflächen und Ruheräume müssen eingeplant werden.
  3. Personal sichern: Erzieherinnen, Sozialpädagogen und Lehrkräfte müssen frühzeitig gewonnen werden. Der Fachkräftemangel ist real – Frühzeitigkeit ist entscheidend.
  4. Kooperationspartner einbinden: Sportvereine, Musikschulen, Bibliotheken und Jugendhilfeträger bereichern das Angebot und entlasten das Schulpersonal.
  5. Pädagogisches Konzept schärfen: Ganztagsschule ist kein verlängerter Unterricht. Ein klares Konzept für Rhythmisierung, Lernzeiten und Freizeitphasen ist Pflicht.
  6. Finanzierungsquellen prüfen: Neben Bundesmitteln gibt es Landesförderprogramme und kommunale Zuschüsse. Eine frühzeitige Beantragung sichert die nötigen Ressourcen.
  7. Evaluation einplanen: Qualitätssicherung von Anfang an. Regelmäßige Feedbackrunden mit Eltern, Schülerinnen und Schülern sowie dem Personal helfen, das Angebot kontinuierlich zu verbessern.

Was macht eine gute Ganztagsschule aus?

Diese Frage klingt einfach, ist aber alles andere als trivial. Auf dem Kongress 2022 wurde sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet – und die Antworten waren überraschend konsistent.

Rhythmisierung als Schlüssel

Eine der zentralen Erkenntnisse: Gute Ganztagsschulen denken den Schultag neu. Statt Unterricht am Vormittag und Betreuung am Nachmittag gibt es einen durchgehend rhythmisierten Tag mit Wechsel von Anspannung und Entspannung, Lernen und Bewegung, Gemeinschaft und Rückzug.

Klingt nach Theorie? Schulen, die dieses Prinzip konsequent umsetzen, berichten von weniger Konflikten, motivierteren Schülerinnen und Schülern und entlasteten Lehrkräften. Das ist keine Utopie – das ist Praxis aus Thüringen, Sachsen und Hamburg.

Inklusion als Querschnittsaufgabe

Ganztagsschulen haben eine besondere Chance: Sie können Inklusion wirklich leben. Wenn der Schultag länger ist, gibt es mehr Zeit für individuelle Förderung, für gemeinsames Spielen und für das Erleben von Gemeinschaft jenseits von Leistungsdruck. Der Kongress 2022 zeigte viele inspirierende Beispiele – aber auch, dass Inklusion ohne ausreichend Personal und Ressourcen schnell zur Überforderung wird.

Digitalisierung und Ganztagsschule: Chancen und Grenzen

Kein Bildungskongress 2022 ohne Digitalisierung. Auch der Ganztagsschulkongress machte hier keine Ausnahme. Doch der Ton war differenzierter als erwartet.

Ja, digitale Tools können individuelles Lernen unterstützen. Lernplattformen, adaptive Lernsoftware und digitale Portfolios haben ihren Platz im Ganztagsbetrieb. Aber: Bildschirmzeit ist kein Ersatz für soziales Lernen, Bewegung und kreative Projekte. Die besten Ganztagsschulen nutzen Digitales als Werkzeug – nicht als Selbstzweck.

Gut zu wissen: Der Digitalpakt Schule stellt bis 2024 insgesamt 6,5 Milliarden Euro für die digitale Infrastruktur an deutschen Schulen bereit. Ganztagsschulen können diese Mittel gezielt für Lernplattformen, Endgeräte und WLAN-Ausbau nutzen – sofern ein pädagogisches Konzept vorliegt.

Ein Praxisbeispiel vom Kongress: Eine Gesamtschule aus Nordrhein-Westfalen präsentierte, wie sie digitale Lernzeiten in den Ganztagsbetrieb integriert hat – mit klaren Zeitfenstern, pädagogischer Begleitung und regelmäßiger Reflexion. Das Ergebnis: Schülerinnen und Schüler nutzen digitale Medien kompetenter und selbstgesteuerter. Kein Wunder, dass dieses Beispiel für viel Gesprächsstoff sorgte.

Ausblick: Wohin entwickelt sich die Ganztagsschule in Deutschland?

Der Ganztagsschulkongress 2022 hat eines klar gemacht: Die Ganztagsschule ist kein Randphänomen mehr. Sie ist auf dem Weg, das Regelmodell der deutschen Grundschule zu werden. Das ist eine riesige Chance – und eine ebenso große Verantwortung.

Die Herausforderungen sind bekannt: Fachkräftemangel, Raumprobleme, unklare Finanzierungsstrukturen, unterschiedliche Qualitätsstandards zwischen den Bundesländern. Aber die Lösungsansätze sind da. Sie wurden auf dem Kongress diskutiert, erprobt und geteilt.

Was jetzt gebraucht wird, ist Mut zur Umsetzung. Und genau dafür ist der Kongress da: nicht als Selbstzweck, sondern als Katalysator für Veränderung.

Tipp: Wer die Entwicklungen rund um Ganztagsschule und Bildungspolitik in Deutschland verfolgen möchte, sollte die Publikationen des Ganztagsschulverbands (GGT) im Blick behalten. Dort erscheinen regelmäßig Praxisberichte, Studien und politische Stellungnahmen – kostenlos und frei zugänglich.

Häufige Fragen zum Ganztagsschulkongress 2022

Was ist der Ganztagsschulkongress Deutschland?

Der Ganztagsschulkongress Deutschland ist die größte Fachkonferenz zur ganztägigen Bildung im deutschsprachigen Raum. Er bringt Lehrkräfte, Schulleitungen, Wissenschaftler und Bildungspolitiker zusammen, um Konzepte und Praxiserfahrungen auszutauschen.

Wann fand der Ganztagsschulkongress 2022 statt?

Der Ganztagsschulkongress 2022 fand im Herbst 2022 statt und war nach den pandemiebedingten Einschränkungen der Vorjahre wieder als Präsenzveranstaltung mit über 2.000 Teilnehmenden aus ganz Deutschland organisiert.

Welche Themen standen beim Ganztagsschulkongress 2022 im Mittelpunkt?

Die zentralen Themen waren der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ab 2026, pädagogische Qualitätsstandards, inklusive Bildung, Digitalisierung im Ganztagsbetrieb sowie die Kooperation zwischen Schulen und außerschulischen Partnern.

Ab wann gilt der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder?

Der Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung für Grundschulkinder gilt schrittweise ab dem Schuljahr 2026/27 und soll bis 2029 vollständig umgesetzt sein. Grundlage ist das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) von 2021.

Was ist der Unterschied zwischen offener und gebundener Ganztagsschule?

Bei der offenen Ganztagsschule nehmen Kinder freiwillig an Nachmittagsangeboten teil. Die gebundene Ganztagsschule verpflichtet alle Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme und bietet einen rhythmisierten Schultag bis mindestens 16 Uhr.

Wie viel Geld stellt der Bund für den Ausbau der Ganztagsbetreuung bereit?

Der Bund stellt für den Ausbau der Ganztagsbetreuung an Grundschulen rund 3,5 Milliarden Euro bereit. Diese Mittel sollen Kommunen und Länder bei der Schaffung neuer Plätze und der Verbesserung der Qualität unterstützen.

Wer organisiert den Ganztagsschulkongress in Deutschland?

Der Ganztagsschulkongress wird vom Ganztagsschulverband (GGT) in Kooperation mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie verschiedenen Landesministerien organisiert und finanziert.

Meine Empfehlung: Wer im Bereich Ganztagsschule arbeitet – ob als Lehrkraft, Schulleitung, Träger oder Bildungspolitiker – sollte den Ganztagsschulkongress nicht als einmaliges Event betrachten, sondern als Teil eines kontinuierlichen Lernprozesses. Die Impulse, die dort entstehen, sind zu wertvoll, um sie nach zwei Tagen wieder zu vergessen. Nimm dir nach dem Kongress bewusst Zeit, das Gehörte in konkrete Maßnahmen für deine Schule oder deinen Träger zu übersetzen. Und wenn du noch nie dabei warst: Mach es. Es lohnt sich.